Das „intellektuelle Gewissen“ des Jazz
Aufstieg und Vermächtnis von Jazz Monthly
In der Welt der Musikpublizistik gibt es Magazine, die Trends setzen, und solche, die Geschichte schreiben. Das britische Magazin Jazz Monthly, 1955 von Albert McCarthy ins Leben gerufen, gehörte zweifellos zur zweiten Kategorie. Während die Konkurrenz sich oft mit oberflächlichem Starkult begnügte, etablierte sich dieses Blatt unter Kennern als das „intellektuelle Gewissen“ der Szene.
1955 - Eine Vision jenseits des Mainstreams
Als Albert McCarthy – Historiker, Sammler und Diskograf aus Leidenschaft – im März 1955 die erste Ausgabe veröffentlichte, verfolgte er ein radikales Ziel: Er wollte dem Jazz den Respekt verschaffen, der ihm als Kunstform gebührte. In einer Zeit, in der Jazz oft noch als reine „Unterhaltungsware“ für verrauchte Kellerclubs abgetan wurde, forderte McCarthy eine fast akademische Auseinandersetzung.
Interessanterweise steuerte er dieses ambitionierte Projekt nicht aus dem pulsierenden London, sondern aus dem beschaulichen St. Austell in Cornwall. Diese räumliche Distanz verlieh dem Magazin eine fast spürbare „distanzierte Objektivität“ – fernab vom Hype der Hauptstadt konnte man hier mit kühlem Kopf analysieren.
Tiefgang und Akribie
Was Jazz Monthly so einzigartig machte, war die kompromisslose Verweigerung gegenüber kommerziellen Zwängen. Der Stil des Hauses zeichnete sich durch drei Pfeiler aus:
Soziologische Tiefe: Die Artikel waren oft lang und wagten den Blick über den Tellerrand der Notenblätter hinaus, hinein in musiktheoretische und gesellschaftliche Analysen.
Diskografische Besessenheit
Für Sammler war das Magazin eine Offenbarung. Mit einer Präzision, die heute im digitalen Zeitalter bewundernswert erscheint, wurden Matrizennummern, Besetzungen und Aufnahmedaten bis ins kleinste Detail dokumentiert.
Kritische Unabhängigkeit: Die Rezensenten waren gefürchtet für ihre Ehrlichkeit. „Stachelig“ nannten Zeitgenossen die Urteile, die strengen Qualitätsmaßstäben folgten und sich nicht von großen Namen blenden ließen.
Ein Pantheon der Kritiker
Das Magazin versammelte die Elite der Jazz-Kritik. Max Harrison analysierte messerscharf die Brücken zwischen Jazz und Klassik, während Alun Morgan zum Goldstandard für den modernen Jazz wurde. Ein besonderes Verdienst war zudem die Arbeit von Paul Oliver, der die Blues-Forschung fest im Magazin verankerte und sicherstellte, dass die Wurzeln des Jazz nie in Vergessenheit gerieten.
Mahalia Jackson im JAZZmonthly
In den Archiven von Jazz Monthly (1955–1971) finden sich einige sehr wertvolle Beiträge über Mahalia Jackson. Da das Magazin einen fast wissenschaftlichen Anspruch an die Musikgeschichte hatte, wurde sie dort nicht nur als „Star“, sondern als fundamentale Säule der afroamerikanischen Musikkultur behandelt.
Hier sind die wichtigsten Veröffentlichungstypen und spezifische Referenzen:
1. Zentrale Essays und Features
Einer der bedeutendsten Beiträge in Jazz Monthly war die Auseinandersetzung mit Mahalia Jacksons Rolle an der Schnittstelle von Gospel und Jazz.
Raymond Horricks (1958/59)
Er schrieb ausführlich über Mahalias bahnbrechenden Auftritt beim Newport Jazz Festival 1958. Dieser Text ist historisch besonders wichtig, da er analysiert, wie eine Gospel-Sängerin das traditionell eher weltliche Jazz-Publikum emotional „bekehrte“.
Albert McCarthy & Nat Hentoff
Die Gründer/Herausgeber von Jazz Monthly waren beide große Bewunderer von ihr. In ihren Texten (oft auch in Buchform wie in Jazz: New Perspectives) wurde Mahalia Jackson immer wieder als die „einzige wahre Erbin“ der klassischen Blues-Tradition von Bessie Smith bezeichnet, obwohl sie selbst nie Blues sang.
2. Rezensionen der "Columbia"-Ära
In den Ausgaben zwischen 1955 und 1965 finden sich detaillierte Kritiken zu ihren wichtigsten Alben bei Columbia Records. Die Kritiker von Jazz Monthly waren oft strenger als die des US-Pendants DownBeat. Besonders beachtet wurden:
The World’s Greatest Gospel Singer (1955): Hier wurde vor allem die Produktion von George Avakian gelobt, die ihre Stimme klar in den Vordergrund stellte.
Black, Brown and Beige (1958)
Die Zusammenarbeit mit Duke Ellington. Dies war ein kontroverses Thema in Jazz Monthly, da die Kritiker leidenschaftlich darüber debattierten, ob Mahalias sakraler Stil zu Ellingtons konzertantem Jazz passte (das Magazin liebte solche intellektuellen Debatten).
3. Diskografische Arbeit
Ein Markenzeichen des Magazins war die Veröffentlichung von kompletten Diskografien. In den 1960er Jahren gab es in Jazz Monthly (oft unter Mitarbeit von Experten wie Kurt Mohr) Auflistungen ihrer frühen Aufnahmen für die Labels Apollo und Bessie Smith, die damals für Sammler in Europa kaum zugänglich waren.
Das Ende einer Ära
Gegen Ende der 1960er Jahre veränderte sich die Musiklandschaft. Der Rock-Boom drängte den Jazz an den Rand. 1971 versuchte man sich mit der Umbenennung in Jazz & Blues noch breiter aufzustellen, doch 1973/74 kam das Aus bzw. die Verschmelzung mit dem Jazz Journal.
Warum wir heute noch darüber sprechen
Für Historiker ist Jazz Monthly heute ein unersetzliches Archiv. Es ist das Protokoll einer Zeit des Umbruchs – vom Swing und Bebop bis zum Free Jazz. Es bewahrte Stimmen und Daten, die ohne McCarthys Akribie längst verloren wären. Es bleibt das Zeugnis einer Ära, in der Musikjournalismus noch bedeutete, den Dingen wirklich auf den Grund zu gehen.
© JAZZmonthly 1958