Der Aufstieg und Fall von Coronet
In einer Zeit, in der das Fernsehen noch in den Kinderschuhen steckte und das Internet Science-Fiction war, regierte ein kleines Heft im Taschenformat die Wohnzimmer Amerikas: Coronet. Es war mehr als nur ein Magazin; es war ein Fenster zur Welt, ein Benimm-Lehrer und eine Kunstgalerie für die Massen.
Das "Pocket-Magazin" für den modernen Geist
Gegründet im Jahr 1936 von David A. Smart – dem Kopf hinter dem legendären Esquire – verfolgte Coronet ein kühnes Ziel. Während der große Rivale Reader’s Digest vor allem auf Text und Kondensierung setzte, brachte Coronet Ästhetik ins Spiel.
Mit einer Mischung aus hochwertiger Fotografie, literarischen Essays und praktischen Lebenshilfen traf es den Nerv der Zeit. Auf dem Höhepunkt in den 1950er Jahren blätterten monatlich über drei Millionen Menschen durch die kompakten Seiten. Wer Coronet las, galt als informiert, kultiviert und am Puls der Gesellschaft.
Mehr als nur Papier: Die Ära der "Social Guidance"
Was Coronet jedoch unsterblich machte, war nicht nur das Magazin selbst, sondern sein Ableger: Coronet Films. Nach dem Zweiten Weltkrieg flutete der Verlag die amerikanischen Klassenzimmer mit 16mm-Lehrfilmen. Generationen von Schülern lernten durch Coronet, wie man sich bei einem Date verhält, warum man sich die Zähne putzt oder wie man "kommunistische Infiltration" erkennt. Diese Filme prägten das Bild der "perfekten" amerikanischen Vorstadt-Idylle der 50er Jahre – ein Bild, das heute oft zwischen Nostalgie und ironischer Kritik schwankt.
Das Ende einer Institution
Doch der Erfolg war nicht von Dauer. In den 1960er Jahren änderte sich der Zeitgeist radikal. Das Fernsehen übernahm die Rolle des visuellen Geschichtenerzählers, und die Anzeigenkunden wanderten ab. 1971 war nach fast 300 Ausgaben Schluss. Das Magazin, das einst versprach, "das Beste aus allen Bereichen" zu bieten, konnte mit der Geschwindigkeit der neuen Medienwelt nicht mehr mithalten.
Heute ist Coronet ein begehrtes Sammlerobjekt. Es dient als faszinierendes Archiv einer Ära, in der man glaubte, die Welt noch in einem handlichen Taschenbuch erklären zu können.
Als Mahalia Jackson Coronet verzauberte
Es war das Jahr 1958, als die Gospel-Legende Mahalia Jackson endgültig den Sprung in das Herz der amerikanischen Popkultur schaffte. Das Coronet-Magazin, stets auf der Suche nach inspirierenden Geschichten mit Tiefgang, widmete ihr und dem aufstrebenden Gospel-Phänomen eine eindrucksvolle Reportage mit dem Titel: „God’s Singing Messengers“ (Gottes singende Boten).
Ein spiritueller „Goldrausch“
Der Artikel beleuchtete ein faszinierendes Paradoxon der späten 50er Jahre: Während die Musik tief religiös blieb, wurde sie plötzlich zu einem gigantischen Geschäft. Coronet berichtete ehrfürchtig über die 15 Millionen Dollar, die Gospelmusik damals jährlich umsetzte – eine für die Zeit astronomische Summe. Inmitten dieses „goldenen Fluts“ stand Mahalia Jackson als unerschütterlicher Fels. Das Magazin porträtierte sie nicht nur als Sängerin, sondern als moralische Instanz, die das Wort Gottes zu Millionen brachte, ohne ihre Wurzeln zu verraten.
Typisch für den Stil von Coronet war die visuelle Aufbereitung. Der Artikel war kein trockenes Interview, sondern eine fünfseitige „Picture Story“. Die Leser sahen:
Hautnahe Aufnahmen
Die ekstatische Hingabe in Jacksons Gesicht während ihrer Auftritte.
Kontraste
Neben der schlichten Spiritualität Jacksons zeigte das Magazin auch den glamouröseren Teil der Szene, wie etwa das maßgeschneiderte Chrysler-Automobil der Clara Ward Singers.
Emotionen
Das für Coronet typische „Hand-Clapping“ und die „haunting rhythms“ wurden so lebendig beschrieben, dass man den Rhythmus fast vom Papier aufsteigen spürte.
Warum gerade 1958?
Das Erscheinen des Artikels fiel in eine Ära des Umbruchs. Mahalia Jackson hatte gerade das Publikum beim Newport Jazz Festival zu Tränen gerührt und im Film St. Louis Blues mitgewirkt. Für die vorwiegend weißen Leser von Coronet war sie die Brücke zu einer Kultur, die voller Kraft, Hoffnung und Würde steckte – Werte, die das Magazin über alles schätzte.
Ein Stück Zeitgeschichte: Dieser Artikel aus dem Jahr 1958 ist heute ein wertvolles Dokument dafür, wie Gospelmusik den Mainstream eroberte und Mahalia Jackson zur „Queen of Gospel“ krönte.
© Coronet 1958